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Finanzmärkte versus Sozialallmende.


 


 

 

Das Soziale und Gemeinnützige braucht dringend

ein eigenes finanzielles Fundament.

 

Eine Chance auch für die Kommunen.

 

Der Bau des Fundaments ist eine solidarische Herausforderung für die

europäische Gesellschaft.

 

(Siehe auch Drei Thesen zur Finanzierung des Sozialstaates)

 

Von Gerhard Hein, Hamburg

 

 

Aus den vielen Medienberichten der letzten Zeit wissen wir alle, dass der Handel mit phantasievoll gestalteten Finanzprodukten wie z.B. mit Derivaten eine extrem hohe Wertschöpfung ermöglicht. Die Motive für diese Art der Geldvermehrung wurden in kritischen Äußerungen schon oft mit „Gier“ gebrandmarkt. Dennoch werden die Erfolge der Finanzmärkte nach wie vor bejubelt.

 

Finanzprodukte dienen der Geldanlage und Geldvermehrung. Besonders der Handel mit ihnen macht deutlich und verständlich, daß das durch die gedanklichen Prozesse von Kalkulation und Spekulation erwirtschaftete Geld im Ergebnis das Produkt einer regen Phantasie ist. Und daß dieses  Phantasieprodukt überhaupt erst möglich wird durch die  Anwendung und durch die Einhaltung von nicht minder phantasievoll und kompliziert gestalteten Regeln!

 

Dieser Sachverhalt lässt die Aussage zu, dass dem vermögenden Teil unserer Gesellschaft ein Instrument zugebilligt wird, welches eine Wertschöpfung ermöglicht, die in ihrem Ausmaß den persönlichen Bedarf weit überschreitet – nahezu grenzenlos.

 

Die bekannt chronische finanzielle Unterversorgung des sozialen und gemeinnützigen Sektors unserer Gesellschaft dagegen wirft die Frage auf, warum diesem Sektor die Abhängigkeit von dem begrenzten Steueraufkommen zugemutet wird?  Warum soll die Geldbeschaffung für diesen Sektor nur auf dem Umweg über den Markt möglich sein?

 

So wie Regeln für Finanzmärkte erdacht und eingeführt wurden, so steht es uns frei, auch Regeln für eine Sozialallmende zu ersinnen und einzuführen.

 

Im Interesse des Gemeinwohls dürfen nicht alle Betätigungsfelder in einer Volkswirtschaft dem Markt und dem Wettbewerb ausgesetzt werden  Es gibt Betätigungen, z.B.  solche fürsorglicher Natur, die sinnvollerweise nicht oder nur eingeschränkt für den Markt geeignet sind. Für sie sind auch andere Finanzierungsquellen denkbar. Quellen, die erst noch phantasievoll geschaffen und ausgebaut werden müssen! Wie die schon erwähnte Sozialallmende.

 

Wir können uns eine derartige Finanzierungsquelle so vorstellen, daß das Geldwachstum in einem virtuellen Raum, also in einem gedachten Raum stattfindet und dort geerntet bzw. geschöpft werden kann. Jener gedachte  Raum ist das gemeinschaftliche Eigentum aller Menschen.

 

Einen gemeinschaftlichen Nutzungsraum bzw. Nutzungsfläche nennt man  auch Allmende. Eine Allmende ist ein Gemeingut, das jedem, der die Nutzungsregeln einhält, zur Nutzung zur Verfügung steht.

 

Die Allmende ist eine Rechtsform gemeinschaftlichen Eigentums.

 

Generell lässt sie sich wie folgt  verstehen:

·       Eine Allmende bringt Ressourcen hervor, die einen ökonomischen Wert haben. Die Ressourcen sind in einer realen Allmende von stofflicher Natur und in einer virtuellen Allmende von gedanklicher/bildlicher Natur.

·       Die Ressourcen sind grundsätzlich kostenlos nutzbar.,

·       Eine Allmende braucht Regeln für die Art und Weise ihrer Nutzung.

·       Eine Allmende ist bestimmt für eine Nutzung durch eine lokale, regionale oder auch überregionale Allgemeinheit sowie

·       bestimmt für diejenigen gemeinnützigen Institutionen, welche im Interesse der Allgemeinheit die ordnungsgemäße Nutzung zu regeln und zu gewährleisten haben.

 

Beispiele für real vorhandene Nutzungsflächen sind traditionell viele Alpweiden in der Schweiz, auch Dorfteiche und Küstengewässer. 

Beispiele für virtuelle Nutzungsräume sind das Internet, die Wissensallmende (Wikimedia Commons) und auch die Finanzmärkte.

 

Die Kommunen sollten sich auf die innovativen Gestaltungsmöglichkeiten besinnen, die sich ihnen mit einer Sozialallmende eröffnen würden.

 

Allmenden sind ein typisches Aufgaben- und Betätigungsfeld von Kommunen. Nur wurden sie in der Vergangenheit meistens abgeschafft, privatisiert und gerieten dann weitgehend in Vergessenheit. Ihre Wiederbelebung ist überfällig!

 

Wir sollten uns endlich von jener traditionellen Vorstellung lösen, daß gemeinnützige Vorhaben und Projekte unbedingt aus Steuermitteln und damit über marktwirtschafttiche Handlungsweisen finanziert werden müssen. Jene Vorstellung ist zwar volkstümlich, doch sie ist falsch. – Andere Wege sind denkbar! Wir dürfen davon Gebrauch machen!! Zum Beispiel so:

 

Die zunächst nur formulierten und sichtbar gemachten gemeinnützigen Bedürfnisse und Bedarfe z.B. in den Bereichen Bildung, Gesundheit, soziale und öffentliche Sicherheit, Infrastruktur, Umweltschutz usw. führen im Zuge ihrer Befriedigung  zu produktiven und damit auch zu berechenbaren Aktivitäten.

 

Mit den dazu notwendigen Berechnungen, z.B. Vorkalkulationen,  würde die Sozialallmende über eine sich ständig erneuernde und demokratisch kontrollierbare Wissensressource zum öffentlichen Kostenbedarf verfügen. Die Wissensressource hat einen ökonomischen Wert  Auf dieses grundlegende Wissen kann konkret zugegriffen werden, um es dann zu einer gesetzlich geregelten Wertschöpfung zu nutzen. Auf diese Art und Weise kann das Soziale und Gemeinnützige unabhängig von Markterfordernissen und -abhängigkeiten finanziert werden.

 

Die Welt des Sozialen und Gemeinnützigen ließe sich also gegen die Welt des Eigennützigen abgrenzen. Beide Welten brauchen ihre arteigenen Finanzierungsmöglichkeiten. Beide Welten sind trotzdem gegenseitig voneinander abhängig. Beide Welten können im Sinne von Synergien erfolgreich zusammenwirken.

 

Zusammenfassend die wichtigsten Kriterien:

 

Der Finanzmarkt

Die Sozialallmende

Ist ein virtueller (gedachter) Raum für finanzielle Wertschöpfung

 

Ist ein virtueller (gedachter) Raum für finanzielle Wertschöpfung

Das Wissen um den Bedarf des Geschäftspartners hat einen ökonomischen Wert, der für die Wertschöpfung genutzt wird.

 

Das Wissen um den Bedarf der Allgemeinheit hat einen ökonomischen Wert, der für die Wertschöpfung genutzt wird.

Die Wertschöpfung funktioniert nur mit Hilfe von  erdachten Regeln.

 

Die Wertschöpfung funktioniert nur mit Hilfe von erdachten Regeln.

Die Wertschöpfung ist gewinnorientiert.

 

Die Wertschöpfung ist bedarfsorientiert

Die hohe Gewinnerwartung aller am Handel  mit Finanzprodukten beteiligten Personen zielt auf ein extrem hohes Ausmaß der Wertschöpfung.(„Gier“)

 

Das Ausmaß der Wertschöpfung ist gesetzlich beschränkt auf den Finanzbedarf von sozialen und gemeinnützigen Maßnahmen und Projekten.

Gewinne schaffen Investitionskapital generell für privatwirtschaftlich ausgerichtete Maßnahmen.

In bestimmten Fällen (z.B. bei bestimmten Stiftungen) profitieren davon auch gemeinnützige  Maßnahmen.

Die im öffentlichen Interesse über die Sozialallmende finanzierten sozialen und gemeinnützigen Maßnahmen lösen Bedarfe vielfältiger Art aus.

Deshalb profitieren von diesen Maßnahmen letztlich auch die Märkte.

 

Finanzmärkte befriedigen insbesondere die Bedürfnisse und Bedarfe einer

 Ich-Gesellschaft

 

Die Sozialallmende befriedigt insbesondere die Bedürfnisse und Bedarfe einer

 Wir-Gesellschaft.

 

Die Gestaltung der Regeln wird von privatwirtschaftlichen Interessengruppen initiiert und durchgesetzt.

 

Die Gestaltung der Regeln wird von gemeinnützigen Interessengruppen initiiert und dann  parlamentarisch durchgesetzt

Das Geschehen auf den Finanzmärkten ist für die Allgemeinheit unüberschaubar und kaum kontrollierbar.

 

Das Geschehen in der Sozialallmende ist überschaubar und unterliegt der Kontrolle von Rechnungshöfen und Parlamenten.

 

 

 

 

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des Internetauftritts

VISION EUROPA.

 

Hamburg, den 5.2.2010,

 überarbeitet am 12.2.2010 und 14.2.2010

 

 

 

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